Yeter Sit engagierte sich politisch in der Türkei, die zwar ihr Herkunftsaber kein Heimatland ist. «Heimat ist kein Ort.» (Bilder: Christine Bärlocher)
Yeter Sit engagierte sich politisch in der Türkei, die zwar ihr Herkunftsaber kein Heimatland ist. «Heimat ist kein Ort.» (Bilder: Christine Bärlocher)
Erstellt: 24.02.2012
Vor dem Unrecht geflüchtet
Porträt/ Yeter Sit beantragte vor fünf Jahren Asyl in der Schweiz. In der Integrationswoche zeigt sie auf einem persönlichen Stadtrundgang «ihr» Aarau.

Die Antwort kommt schnell: Nein, sie fühle sich hier nicht zu Hause. Obwohl sie, seit sie vor fünf Jahren in die Schweiz geflüchtet war, vieles erlebt und gesehen hat, das Leben alleine lieb gewonnen, Velofahren, Schwimmen und das Reisen entdeckt, Deutsch gelernt und viele Freunde gefunden, wenn auch keine aus der Schweiz. Heimat, sagt Yeter Sit, sei relativ. «In Istanbul, wo ich studierte, hiess es: Deine Heimat ist Ardahan, wo du herkommst. In Ardahan hiess es: Deine Heimat ist das Haus, in dem deine Eltern leben. Und hier heisst es: Deine Heimat ist die ganze Türkei.» Eines wie das andere sei falsch, sagt die Dreissigjährige, vor allem das Letzte, denn die Türkei kenne sie kaum, viel zu gross sei das Land und sie selbst dort nie herumgereist. Oft tastet sich Sit an diesem kalten Winternachmittag an eine Antwort heran, auch wenn sie über Heimat spricht. «Heimat ist kein Ort und auch nicht das Gefühl, das sich einstellt, wenn ich mit kurdischen Freunden eine Party feiere», sagt sie. Heimat spüre sie am ehesten, wenn sie sich selbst vergesse, zum Beispiel beim Lesen eines Buchs.

Unbegrenzt. Immer wieder kommt Sit auf Bücher zu reden. Auf George Orwells «1984» und Elif Shafaks «Bastard von Istanbul», auf kurdische Literatur und immer wieder auf Orhan Pamuk, dessen Bücher sie auch in Deutsch liest. In jedem eröffne sich ihr eine «neue, fremde Welt», finde sie neues Wissen, in manchen einfach Unterhaltung. Als sie im Mai 2007 in die Schweiz kam, 25-jährig und allein, lag ein Wörterbuch Türkisch-Deutsch in ihrem Koffer. Gleich nach der Ankunft an der ersten von vielen Stationen, im Empfangszentrum Kreuzlingen, begann sie Deutsch zu lernen, «denn die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, die schon so schwer genug ist». Inzwischen ist ihr Deutsch so gut, dass sie als interkulturelle Übersetzerin für das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) arbeitet und mit dem Gedanken spielt, zu studieren, zum Beispiel Soziale Arbeit.

Unfrei. Sits Eltern wissen nicht, dass ihre Tochter als Flüchtling in die Schweiz einreiste. «Sie glauben, ich sei für mein Studium hier», sagt sie. Die Wahrheit wollte sie ihnen nicht zumuten, «zu traurig wäre es für sie zu wissen, dass ich die Türkei unfreiwillig verliess». Gänzlich unpolitisch aufgewachsen in einer Kleinstadt im Nordosten der Türkei, geriet Yeter Sit während des Studiums als Textillehrerin in Istanbul zunehmend in politische Aktivitäten. Dass sie eine Petition unterschrieb, welche die Einführung von Kurdisch als Unterrichtssprache forderte, wurde ihr zum Verhängnis. Sie wurde verhaftet und verhört. Als sie sich weigerte, sich von der Petition zu distanzieren, wurde sie für einen Monat von der Universität suspendiert. In der Folge interessierte sie sich zunehmend für Politik und sympathisierte mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, ohne jedoch Mitglied zu werden. Sit engagierte sich in einer Frauengruppe und für die Rechte von Homosexuellen, sie nahm an Demonstrationen teil und wurde wegen ihrer Aktivitäten vierzehn Monate im Gefängnis eingesperrt. Danach demonstrierte sie weiter – und wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Der Grund: Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation. «Schockierend» sei dies gewesen. Sie sah wie ihr Anwalt keinen anderen Weg, als das Land zu verlassen. Die Schweizer Botschaft stellte ihr ein Ausreisevisum aus. Engagiert, doch ohne starke Emotionen, erzählt Sit von ihrem Leben. «Man gewöhnt sich an diese Geschichte, so wie man sich an fast alles gewöhnt.»

Unbeirrt. Heute ist die junge Frau «zufrieden, aber nicht glücklich». Würde sie, könnte sie das Rad zurückdrehen, wieder die Petition unterschreiben? Würde sie das permanente Gefühl des Fremdseins wieder in Kauf nehmen? «Ja», sagt sie, und auch diese Antwort kommt schnell. «Denn sonst wäre ich eine gewöhnliche Frau geworden, hätte viele Kinder bekommen und mich nie emanzipiert. Ich hätte keine Sprachen gelernt und nie erfahren, wie schön Paris ist!»
Sarah Jäggi


Blickwechsel auf Aarau

Zusammen mit Susanne Dul, die Stadtführungen in Aarau anbietet, zeigt Yeter Sit auf einem Stadt- rundgang «ihr» Aarau. Sie führt an Orte, die sie an Istanbul erinnern, in einen Hinterhof und in ein Res- taurant, in dem sie gerne verweilt. Die Einladung zu diesem «Blickwechsel» macht das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) im Rahmen der nationalen Integrationswoche. «Yeter Sits Blick auf Aarau» findet statt am 27., 28. und 30. März statt. Besammlung jeweils um 17 Uhr am Holzmarkt.