Die Kirche erinnert daran, dass Flüchtlinge ein Recht auf Schutz haben: Bild aus der Asylunterkunft in Vernamiège VS (Bild: Keystone)
Die Kirche erinnert daran, dass Flüchtlinge ein Recht auf Schutz haben: Bild aus der Asylunterkunft in Vernamiège VS (Bild: Keystone)
Erstellt: 27.01.2012
Die Kirche greift dem Staat unter die Arme
Flüchtlinge/ Die reformierte Landeskirche Aargau unterstützt den Kanton bei der Suche nach Unterkünften für Asylsuchende. In Bern und Zürich ist das bislang nicht notwendig.

«Bettwil» ist zum Symbol für den Widerstand geworden, auf den der Staat bei der Suche nach Asylunterkünften stösst: Ein Grossteil der Bevölkerung des Aargauer Dorfs wehrte sich gegen die vom Bund geplante Umnutzung einer Militäranlage als Ergänzung zu den Empfangszentren für Asylsuchende. Die Kritik am Volksaufstand blieb verhalten. Einzig einige Nichtregierungsorganisationen sowie die Luzerner und die Aargauer Landeskirchen äusserten sich besorgt über das gehässige Diskussionsklima – und appellierten an die Verantwortung der Zivilgesellschaft, Menschen in Not Schutz zu gewähren.

Verdrossen. Das Departement für Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau (DGS) nahm den Appell zum Anlass, die Landeskirchen um Hilfe bei der Suche nach Unterkünften zu bitten. Denn der Kanton weiss momentan nicht, wo er überhaupt noch Asylsuchende unterbringen könnte. «Der Widerstand ist überall gross», sagt Balz Bruder, Kommunikationschef des DGS. Ein Grund für den Notstand ist, dass der Bund dem Aargau 2011 doppelt so viele Asylsuchende wie im Jahr zuvor zugewiesen hat, nämlich 1472 – dies gemäss einem Verteilschlüssel, der für den Aargau 7,7 Prozent aller Asylsuchenden vorsieht. Doch die prekäre Lage ist auch hausgemacht: Fast die Hälfte der Aargauer Gemeinden zahlt lieber Ersatzabgaben, als dass sie Asylsuchende aufnimmt. In Bern und Zürich, die mit 13,5 respektive 17 Prozent mehr Asylsuchende aufnehmen müssen, besteht diese Praxis nicht. Und bislang gibt es dort auch keinen Platzmangel.

Verantwortlich.
Anfang Januar erinnerte die reformierte Landeskirche Aargau erneut daran, dass asylsuchende Menschen mit Respekt zu behandeln seien. Gleichzeitig bat sie in einem Brief an alle Kirchgemeinden um Support bei der Suche nach Unterkünften. «Wenn in dieser Notsituation Unterstützung möglich ist, möchten wir sie geben», sagt die Aargauer Kirchenratspräsidentin Claudia Bandixen. «Doch uns ist bewusst, dass die Chancen, ein sinnvolles Angebot zu machen, beschränkt sind.» Das Bildungshaus Rügel sei zur Diskussion gestanden, doch wegen Weiterbildungskursen bereits ziemlich ausgebucht. Ob und wie der Appell der Landeskirche bei den lokalen Kirchgemeinden ankommt, zeigt sich in den nächsten Wochen.

Vernetzt. Dass ein Kanton die Kirche um Unterstützung in Asylbelangen bittet, geschieht nicht zum ersten Mal. In der Kosovo-Krise Ende der Neunzigerjahre nahm auch der Kanton Zürich Kontakt zu den Landeskirchen auf. Diese waren bereit, Unterkünfte zu organisieren, was dann aber nicht notwendig war. «Das sind vornehme Aufgaben für die Kirche», sagt Nicolas Mori vom Informationsdienst der Zürcher Landeskirche. «Keine andere Institution ist so vernetzt in den Gemeinden.» Skeptischer beurteilt Pia Grossholz, die in der Berner Kirchenleitung für das Dossier Migration zuständig ist, die Sache: «Die Suche nach Asylunterkünften muss eine staatliche Aufgabe bleiben: mit klar definierten Anforderungen betreffend Unterkünften, damit die Ausgangslagen für Asylsuchende nicht unfair verteilt sind.» In Bern stehe die Kirche in regelmässigem Austausch mit dem Migrationsdienst des Kantons und versuche, in den Gemeinden ein offeneres Klima zu schaffen – «damit es gar nicht erst starken Widerstand gibt».

Verbindlich. Auf ungeteilte Unterstützung stösst die Aargauer Initiative beim Evangelischen Kirchenbund (SEK): Es sei eines der Legislaturziele des Kirchenbunds, für die Achtung der Menschenwürde in der Migrationspolitik einzutreten, betont Sprecher Simon Weber: «Was die Aargauer Landeskirche macht, ist ganz in diesem Sinn.» Anouk Holthuizen