| Erstellt: 27.01.2012 | |
Andere machen sich auf für eine Reise in die Einöden der Gebirge, in die Wildnis der Tropenwälder, ins Chaos der Grossstädte. Sie wissen um die Gefahren: das Wetter, die Wege, politische und soziale Unruhen. Eine sichere Heimkehr ist ihnen nicht garantiert.
Auch mir stehe eine solche Reise bevor, vergleichbar mit jenen, sagte ich mir, und versuchte so, meiner Ungewissheit, meiner Angst zu begegnen – weniger der Angst vor dem Tod als jener vor dem Ausgeliefertsein. Die Destination dieser Reise: das Universitätsspital Basel, 5. Stock, Isolierstation. Jetzt, im Rückblick, weiss ich, dass jener Aufenthalt bloss eine Etappe war, eine recht gemütliche sogar. Die Notizen, die ich damals machte, sind Dokumente aus einer Ausnahmesituation. Inzwischen bin ich zwar wieder daheim – und doch immer noch unterwegs in einem fremden Land. Durststrecken, unerwartete Umwege und Hindernisse, hoffnungsvolle Aufbrüche wechseln sich ab. Die Reise geht weiter.
Isolation – so stellt man sich das vor: Da haust der Patient hinter dicken Glasscheiben oder in einem Zelt. Allein, keine Berührung, abgeschirmt von allem Leben.
Isolation – nichts von dem. Ich begegne hier im Spital mehr Menschen als an jedem gewöhnlichen Arbeitstag. Allerdings sind sie vermummt: weisser Mantel, Gummihandschuhe und immer eine Maske vor dem Mund. Ob Putzfrau oder Professor: Ich kenne ihre Augen, ihre Ohren, ihre Frisur – aber nicht ihren Mund, nicht ihr Lachen, kaum etwas von ihrer Mimik. Diese Menschen helfen gegen das Gefühl des Eingeschlossenseins.
Das Zimmer auch. Ein grosses Fenster, eine weite Sicht. Himmel, Himmel, Himmel. Wolken kommen und gehen. Tag und Nacht.
Isolation heisst: möglichst grosse Keimfreiheit. Das Zimmer wird täglich minutiös geputzt, die Luft gereinigt und klimatisiert, die Leitungen enthalten desinfiziertes Wasser. Der Fussboden ist für mich tabu: Wenn mir etwas hinuntergefallen ist, darf ich es nicht aufnehmen. Das macht meiner Erziehung Mühe. Ich möchte ja möglichst selbstständig zurechtkommen, wenn ich schon so vieles abgeben muss. Den Körper zum Beispiel. Jetzt verfügen andere über ihn. Hier ist das Reich der hoch spezialisierten Fachleute, ich werde nie genügend Kenntnisse haben, ihre Entscheidungen zu beurteilen. Statt der Namen der Medikamente merke ich mir lieber jene der Mitarbeitenden.
Aber das Essen wird zum Schauplatz des Widerstands. Hier gehört mein Körper mir. Anblick und Geruch des Menüs, das mir gebracht wird, widerstehen mir. Es tut mir leid, ich kann nicht. Statt leckere Bissen Gewissensbisse. Ich bestelle halbe Portionen und lasse noch immer die Hälfte stehen. Eine unsichtbare Ernährungsberaterin mischt sich ein: Sie verschreibt «Energysoup», eine schleimige Creme, genauso scheusslich, wie ich mir diesen Food schon immer vorgestellt habe. Einmal würge ich es hinunter. Dann streike ich, und ich bin stolz auf diesen Ungehorsam. Was an Medikamenten in mich hineinkommt, kann ich nicht beeinflussen. Das aber wohl. Auf einmal habe ich Verständnis für jene magersüchtigen jungen Frauen, die aller Welt beweisen wollen, dass sie allein «Herr» über ihren Körper sind.
Aber abgesehen davon bin ich eine Musterschülerin. Ich will es gut machen. Ich will zum Gelingen beitragen, was mir möglich ist. In meinem eigenen Interesse, selbstverständlich, aber auch aus Dankbarkeit jenem unbekannten Menschen gegenüber, der mir seine Stammzellen zur Verfügung gestellt und damit die Aussicht auf Heilung ermöglicht hat.
Ist so viel Wohlverhalten richtig? Offenbar rumort diese Frage doch in mir. Wären nicht mehr Widerständigkeit, Hinterfragen, Kritik am Platz? Ein Traum lässt mich meine Antwort finden: Ich benehme mich unerhört ruppig, gemein, ekelhaft gegenüber den Pflegenden, gegenüber meinen Angehörigen. Und ich schaue dabei zu, wie sich die Situation verändert: Zu den normalen Schwierigkeiten, die zu meiner Lage gehören, kommen Spannungen und Verstimmungen, Erstaunen, Hilflosigkeit der Leute um mich, sie sind beleidigt, ziehen sich zurück oder zahlen es mir zurück. Es ist nicht wieder gutzumachen, ich weiss es im Traum ganz genau. Als ich erwache, bin ich erleichtert: Es ist nicht so. Und so wie es ist, ist es richtig für mich. Und auch nicht schwer.
Neue Erfahrungen. Zum Beispiel das TV-Gerät: Ich habe zu Hause keinen Fernseher. Hier im Spital machte ich mich nun mit dem Programmangebot vertraut.
Da sitze ich also in meinem Bett vor dem Bildschirm – eine glückliche alte Frau mit Falten und Glatzkopf – und sehe und höre die Versprechungen und Verheissungen der Werbung. Was aber, wenn hier eine Dreissigjährige sässe? Vielleicht lag sie vor einem Monat in diesem Bett, vielleicht wird sie in ein paar Wochen hier sein. Seit Jahren hat sie gesehen, gekauft und angewandt, was Schönheit, Erfolg und Attraktivität bringen soll: Pflegemittel für volles, glänzendes Haar, magisch leuchtende Wimpern. Der perfekte Körper ist zu haben, reine Haut ebenso, und auch der richtige Mann. Das ist das Versprechen. Was machen sie mit der Frau, die hier liegen könnte, jung und eben noch höchst attraktiv, aber jetzt: ohne Haar, hässliche Hautausschläge, drohende Unfruchtbarkeit? Was ist mit ihr? Ich kenne sie nicht. Aber es gibt sie.
Ich selbst bin in einer anderen Lebensphase. Ich bin eine glückliche alte Frau, und dafür kann ich nichts. So wenig wie für meine Krankheit. Darum ist mir Mitleid peinlich und ärgerlich, genauso wie Bewunderung: «Wie du das trägst!» Das ist nicht meine Leistung. Ich hatte mein Leben lang Glück. Auch jetzt, offenbar. Vielleicht passt ein anderer Ausdruck noch besser: Gnade. Das Wort, das einen flüchtigen oder dauernden Lebenspunkt festhält und deutet. Das Wort, das durch eine nicht voraussehbare Erfahrung erklärt wird. Gnade und Dankbarkeit für heute. Vielleicht, ich hoffe es, auch für morgen.
Wer eine Reise plant, macht sich dabei bestimmte Vorstellungen. Unterwegs bringen sie manchmal Verwirrung. Und im Rückblick ist es spannend, das Erlebte mit dem Fantasierten zu vergleichen.
Der Spitalaufenthalt wird eine Gelegenheit sein, zu mir zu kommen, stellte ich mir vor. Um die Mitte zu finden, wie man sagt. Und Ruhe. Loslassen. All die schönen Wörter und Ideen. Es würde auch eine Reise ins Innere werden: keine Bücher, keine Ablenkung, keine Zerstreuung. Welche Chance für mich mit meinem ständigen Tun und Wissenwollen.
Dann die Vorübung. Mein geschwächtes Immunsystem hatte einem Virus keinen Widerstand bieten können, das halbe Gesicht war gelähmt. Das Lachen eine Fratze, das Reden entstellt, das rechte Augenlid gelähmt. Eine Woche Spitalaufenthalt. Daliegen, nur daliegen. Nichts von einer Reise ins Innere, kein Loslassen von Gedanken und Gefühlen. Das Denken eingeklemmt zwischen Hirn und Schädel. Aktive Aufmerksamkeit? Bloss passives, formloses Sein.
Schön war es, wenn die Zimmernachbarin mit ihren Besucherinnen plauderte – teilnehmen an einem fremden Leben, ohne dass ich mich beteiligen musste. Ich lernte die Beziehungen in der Familie kennen; jene, von denen die einen Besucher sprachen, tauchten später auf und verhandelten nun die anderen, die eben gegangen waren. Wenn alle weg waren, erzählte mir die Frau im Bett nebenan deren Geschichten weiter.
Rückzug macht mich schwach. Aber was mir hilft, sind die Geschichten der anderen. Sie haben mir von ihrem Schicksal erzählt. Schlimmes, Trauriges und unsäglich Tragisches. Wie sie Schicksalsschläge, Krankheit, Verlust aufnehmen und annehmen. Mit Widerspruch und Unglauben, Achselzucken, Aufbegehren, Gelassenheit, Ergebung – auch Selbsttäuschung? – und wieder von vorne. Das Wort «Würde» wird mir wichtig. Jetzt hilft mir das, was sie mir erzählt haben. Vom Kämpfen, vom Nicht-Verstehen-Können. Vom Hoffen, Trost-Finden und Stärker-Werden. Wenn sie das können, warum nicht auch ich?
Meine medizinische Therapie entwickelte sich aus den Versuchen, dem Scheitern und den Erfolgen bei jenen, die vor mir die gleiche Krankheit durchmachten. Die litten, kämpften, starben oder weiterlebten unter mehr oder weniger guten Bedingungen. Ihren Erfahrungen, ihrem Leiden habe ich meine Chancen zu verdanken. Ähnlich baue ich mit meinen Gefühlen auf die Geschichten, die mir erzählt wurden. Ihretwegen vertraue ich darauf, dass es gut kommt, wie immer es kommt. Dass ich, wie jene, auch jetzt eine Aufgabe habe, die ich, wie jene, in Würde vollbringen möchte. Keine Reise ins Innere also. Eher eine Reise zu den Menschen. Ich lasse ab von Einsamkeitsfantasien, von Rückzug und Askese – und nehme mit Dank und Neugier ein Geschenk an: einen iPad, garantiert keimfrei zu halten, Schatztruhe für Bücher, Zeitungen, Musik, Filme, persönliche Nachrichten, jederzeit abrufbar, Brücke zur weiten Welt.
Die Reise ins Innere ist vertagt.
Natürlich hatte ich mir auch mein Reiseziel, das Isolationszimmer, vorgestellt: als fremde Welt mit bekanntem Mobiliar – Bett, Tisch, Stuhl, TV- und Radioapparat. Einfach ein Spitalzimmer, wie es in der Vorbereitungsbroschüre beschrieben war. Warum, so frage ich mich beim Zurückschauen, warum haben mich die kleinen Abweichungen der Wirklichkeit von der Vorstellung so sehr gestört? War es die Situation des Eingeschlossenseins, die mich eben doch verwirrte – ein Zustand, schwebend zwischen den Vorstellungen von vorher und der Wirklichkeit?
Alles ist nun wirklich so vorhanden und doch unverhältnismässig irritierend für mich, und das bloss, weil alles seitenverkehrt zu meiner Vorstellung ausgerichtet ist – das Fenster links statt rechts, das Bett an der Nord- und nicht an der Südwand. So gibt es nun das Bild und die Wirklichkeit. Vielleicht spielen die Medikamente mit bei dieser eigenartigen Verwirrung. Erst nach und nach rücken die Tatsachen die Vorstellungen zurecht, ersetzen sie durch das einzig Mögliche und ganz Normale. In diesem Zimmer, mit diesen geregelten Abläufen und Behandlungen, mit unendlich vielen medizinischen Einrichtungen und Gegenständen, mit dem Transfusionsständer, der nun, ausser während drei Stunden am Morgen, ständig mit meinem Körper verbunden ist.
Manchmal halte ich inne: Was mache ich da? Was macht man mit mir? Was macht es in mir? Ein kurzes Überlegen, mehr Staunen als Erschrecken, und schon füge ich mich wieder ein. Denn für alle, die hier in diesem Raum zu tun haben, ist es normal, so wie es ist. Sie sind sorgfältig, zuverlässig, rücksichtsvoll und entschieden. Sie werden schon recht haben. Alles muss so sein.
«Hast du denn nicht Angst?», wurde ich gefragt. Angst wovor? Vor dem Tod? Seit ich mich erinnern kann, weiss ich, dass ich einmal sterben werde. Jetzt allerdings war es anders, weil sich die Art meines sicheren Todes mit mehr Wahrscheinlichkeit gezeigt hatte. Zwar könnte es genauso gut sein wie bisher, dass ich morgens nicht mehr aufwache oder einen Hirn-, einen Herzschlag habe. Aber sicher ist: Diese Krankheit würde zu meinem Tod führen, wenn ich von anderem verschont bliebe.
Hier, im Isolierzimmer, wird so viel für das Leben getan, dass das Sterben seine Bedeutung verliert. Die Stammzellentransplantation, eine aufwendige und teure Therapie, kann eine vollständige Heilung ermöglichen. Die Alternative wäre eine langsame Entwicklung hin zum Tod, ebenfalls mit Behandlungen verbunden. Einfach leis und stille sterben – wäre das überhaupt möglich? Kaum, und das hat meine Entscheidung erleichtert.
20 Tage nach dem Tag 0, als die Zellen eingeführt wurden: Ich lebe, ich lebe sogar gut, die neuen Stammzellen in mir leben, sie teilen sich und wachsen jetzt in Windeseile. Das Sterben ist wieder so abstrakt wie vor zwanzig Jahren, wie vor einem Jahr. Vielleicht, ich vermute es nun, zeigt und offenbart es sich erst und allein in dem Augenblick, in dem es nur noch erlebt, verlebt, nicht mehr reflektiert und nicht mehr mitgeteilt wird.
Im Isolierzimmer hatte ich erfahren, wie aus einer Ausnahmesituation Normalität wird. Auch das Leben mit Krankheit, Schmerzen, Hinfälligkeit kann normal werden. Auch die Konfrontation mit dem Tod?
Aber das Sterben? Was ist beim Sterben normal? Wenn ich jetzt wieder gesund werde, wie kann ich dann später einmal sterben? Natürlich sterben wir, aber wie sterben wir natürlich? Schwäche, Dahinsiechen oder Zusammenbruch – so war es lange bei uns, und so ist es immer noch dort, wo Vierzigjährige gebrechlicher erscheinen als hierzulande Achtzigjährige. Lebenskraft und -qualität können bis ins hohe Alter erhalten und erneuert werden. Es gibt Therapien und Eingriffe für alles, ebenso vielversprechend und wirkungsvoll wie meine, die ich dankbar und staunend annehme. Und doch: Wann darf ich sterben? Wenn es mir gut geht, will ich nicht sterben. Und ich will nicht, dass es mir schlecht geht, ich möchte nicht, dass mich Leiden und Schmerzen in den Tod treiben. Sterben, alt und lebenssatt – können wir das, so wie es sich unsere Vorfahren wünschten? Wann gibt uns die Medizin wieder frei? Was früher ein Kampf mit dem Tod war, gegen Schwäche und Schmerz, zeigt sich heute vielleicht als Emanzipation gegenüber allen noch machbaren Möglichkeiten.
Jetzt, mit meinen 61 Jahren, mache ich gerne weiter mit beim Leben. Aber muss es auch sein, wenn ich achtzig werde? Wann und wie kann beides zusammenfallen: dass sie mich gehen lassen und dass ich mich gehen lassen will? Vielleicht wehklagend, wegjammernd, wegdämmernd. Vielleicht mit Würde und Klarheit. Wie wird es mir geschehen? Und wie können und wollen andere das tun? Wie lässt unsere Gesellschaft es geschehen? Vermag sie es zu gestalten?
Text: Käthi Koenig
Bilder: Christian Aeberhard






